Federfarbenfee

Von jung und angejahrt in Wort und Bild

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Am Anfang war Lila: Kapitel 3

Das alte Haus

Ranieri ist am Leben. Lachend kämpfen sie sich fernab des ausgetretenen Wanderweges durch das dichte Geäst und können die nahe Lichtung bereits erahnen. Der Endorphinrausch verleiht Priska ungeahnte Kräfte. Geschmeidig wie ein Panther erklimmt sie die teils mannshohen Felsbrocken, die von Riesenhand auf dem weichen, von Fichtennadeln übersäten Waldboden versprengt worden zu sein scheinen. Ranieri ist ihr dicht auf den Fersen. Sie spürt seinen warmen Atem in ihrem Nacken. Priska befindet sich in jenem prickelnden Schwebezustand sehnsüchtiger und bangender Vorfreude, den sie so lange wie möglich auszukosten beabsichtigt. Sobald der Zauber der ersten Nacht vorüber wäre, würden flüchtige Berührungen nur mehr eine angenehme und geborgene Wärme erzeugen, sich treffende Fingerspitzen keine explosiven Funken mehr schlagen, heiß-kalte Wechselbäder bei verstohlenen Blicken ausbleiben. Ein uraltes Spiel, dessen Ausgang zwar vorgezeichnet ist, das aber in diesem Stadium noch vom Hauch des Ungewissen umweht wird. Ein rares Lebenselixier, das nicht verschwendet werden darf.

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Kindliche Vorfreude & erste Verliebtheit

Wisst Ihr noch, wie es sich anfühlt, wenn Fingerkuppen sich sachte berühren und dabei Funken schlagen, die selbst noch die äußerste Spitze des kleinen Zehs durchdringen?

Wisst Ihr noch, wie es sich anfühlt, wenn weiche Lippen aufeinandertreffen und tief im Inneren einen Wirbelsturm aus orientierungslos herumtaumelnden Schmetterlingen erzeugen, die mit ihren abertausend Flügelschlägen jede einzelne Körperzelle zum Vibrieren bringen?

Wisst Ihr noch, wie es sich anfühlt, wenn der geliebte Mensch einem tief in die Augen schaut und man selbst nur noch aus einem Riesenhaufen Zuckerwatte zu bestehen scheint?

Gerade tauche ich ein, in das 3. Kapitel. Und ich genieße es, diese Gefühle, deren Flüchtigkeit nur frisch Verliebte nicht als solche wahrnehmen, wieder erwecken zu können.

Für die Dauer dieses Moments sind die geschwollene Lymphknoten, der schmerzende Hals und die vereiterten Nebenhöhlen vergessen. Anstelle von lodernden Herzen bin ich von Taschentuchbergen umgeben. Dennoch glühen meine Wangen nicht nur vom Fieber.

In jener Sternennacht, von der ich im letzten Beitrag schrieb, verspürte ich einen Anflug dieser wundervoll intensiven Emotionen, die durchaus noch irgendwo in mir rumoren und einen Teil von mir nicht altern lassen.

Als ich heute die leuchtenden Augen meines Eiliensche sah, als sie die Gaben entdeckte, welche der Nikolaus ihr vor die Tür gelegt hatte, da kam mir kurz in den Sinn, dass diese kindliche, unverderbt-arglose Vorfreude einer jungen Liebe doch sehr ähnelt.  Die Kinder sind sich der Verletzlichkeit ihrer Seelen noch nicht bewusst. Umso offener und verwundbarer sind sie. Vorbehaltlos stürzen sie sich in ihre Freude. Genießen uneingeschränkt und ungebremst und ohne auch nur einen Gedanken an mögliche Konsequenzen zu verschwenden. Auf diese Weise sind sie in der Lage, sehr tief und innig zu empfinden.

Sich mit all seinen Sinnen verlieben – das kann auch nur derjenige, der das Kind  in sich ans Ruder lässt, sämtliche Bedenken und Zweifel über Board wirft und die Fahrt genießt, solange sie dauert.

Kinderzeichnungen und Alltagsgeplänkel

Da bin ich einmal in hundert Jahren ohne Kinder unterwegs. Es dauert einen Moment, bis ich vom „Alles-aus-dem-Weg-in-5min-hat-das-Baby-seine-Breze-zerhäckselt-und-das-Kleinkind-will-sein-Stuntfraupotential-an-supermarkteigenen-Requisiten-austesten“-Modus in eine etwas groovigere Gangart gewechselt habe. Dann aber genieße ich beinahe andächtig die Stille vor dem Joghurtregal und die Freiheit, mir tatsächlich vorher anzusehen, was ich kaufe,  ohne dass der eine kleine Wicht „Schau mal, Mami“-rufend mit dem größten Kinderhasser im ganzen Laden kollidiert und der andere, noch kleinere Wicht mir halbverdauten Brezenbrei  auf die Hand spuckt , während er bzw. sie fast einen Köpfer aus dem Einkaufswagen macht. Ich zelebriere sie förmlich, diese Dreiviertelstunde Auszeit, obgleich ich mir zum Seele baumeln lassen natürlich auch eine weitaus adäquatere Umgebung vorstellen könnte – wie etwa ein Fünf-Sterne-Wellnesshotel am Meer. Mein Handy brummt. Zunächst bin ich nicht gewillt, dem Störenfried meine Aufmerksamkeit zu schenken. Vielleicht ist es aber ein SOS von meinem Mann, der noch eine Tafel Vollmilchschokolade mit ganzen Haselnüssen braucht, um den heutigen Abend zu überleben.  Es ist tatsächlich M. Via Whatsapp lässt er mir folgende, knapp aber präzise formulierte Botschaft zukommen: „Das Ämmale hat zwei Schritte gemacht.“ War ja klar: Kaum ist Muttern aus dem Haus, fängt das Kind zu laufen an. Und mindestens genauso logisch ist, dass sie seit ihren ersten Gehversuche quasi in Schockstarre verfallen ist.

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Am Anfang war Lila: Kapitel 2

Das Geschenk

Es war der Morgen nach Martini. Die güldenen Strahlen der aufgehenden Sonne tauchten die bleichen Bergspitzen in ein rötliches, verheißungsvolles Licht und erweckten König Laurins Rosengarten für kurze Zeit zum Leben. Johann war am Fuße dieses sagenumwobenen Felsmassivs aufgewachsen. Doch auch nach so vielen Jahren hatte der Anblick der glühenden Zacken nichts von seiner Magie verloren. Verzaubert hielt er den Atem an. Als die warme Luft schließlich aus Johanns Mund entwich, bildete sich eine weiße Dampfwolke. Es roch nach Schnee. Der Winter kam früh und ging spät in dieser vorletzten Dekade des ausklingenden 18. Jahrhunderts. Ein wenig willkommener Gast mit unzähligen Nöten im Gepäck. Von einer »kleinen Eiszeit« würde dereinst in den Geschichtsbüchern zu lesen sein.

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Südtiroler Begegnung

Das Ämmale verteilt gerade genüsslich die Butterbrotreste auf der Couch, während das Eiliensche versucht, mir das Plastikfieberthermometer in den Bauchnabel zu rammen.

Egal. Ich schreibe. Zumindest diesen einen Satz, bevor er sich für immer verabschiedet.

Das Eiliensche zieht  „St.-Martin-ritt-durch-Schnee-und-Wind“-singend und auf einem der längst verschollen geglaubten Stäbe aus dem Gitterbett thronend ihre immer enger werdenden Bahnen um den Esstisch. Als Umhang dient ihr einer meiner guten Microfleecestoffe, aus denen ich eigentlich Kuschelpullis für die lieben Kleinen fertigen wollte. Aber zum Nähen komme ich in diesem Leben sowieso nicht mehr und mit so einem Requisit wirkt die St.-Martins-Vorführung gleich noch authentischer.  Nachdem das Ämmale dem wallenden Tuch in die Quere gekommen ist und sich unfreiwillig von dessen wärmenden Eigenschaften überzeugen konnte,  hat sie sich unter den Tisch geflüchtet, um nun mein Bein als Aufstehhilfe zu benutzen und mir vorwurfsvoll ins Knie zu beissen.

Egal. Ich schreibe. Zumindest diese eine Zeile, die mir schon seit Stunden im Kopf herumspukt.

Im Bad, im Schlafzimmer, auf der Treppe und im Keller türmt sich die Wäsche. In der Spüle, auf dem Herd und der Arbeitsplatte das Geschirr. Wir haben nichts anzuziehen und keine Teller, von denen wir essen können.

Egal. Ich schreibe.  Zumindest dieses eine Wort, zu dem ich nur noch den richtigen Kontext finden muss.

Später am Abend. Die Kinder sind endlich im Bett. Ruhe. Der Laptop ruht auf meinen Oberschenkeln, die Finger schweben über der Tatstatur.

Egal. Ich schreibe nicht. Meine Augenlider sind schwer wie Blei und pfeiffen auf die Kommandos aus der Hirnzentrale.

Ihr seht – ich bin dran am zweiten Kapitel. Wenn es in diesem Tempo weitergeht,  schaffe ich pro Woche eine halbe Seite. Sofern ich genügend Absätze einbaue.

Dennoch habe ich meinen – in Anbetracht der geschilderten Umstände – nahezu absurd erscheinenden Plan, jede Woche ein Kapitel online zu stellen, noch nicht ad acta gelegt.

Heute Mittag in einem überfüllten Aufzug irgendwo in München: Ein sonnenverbranntes Gesicht, aus dem uns verschmitzt zwei aquamarinblaue Augen entgegenblitzen. So klar und erfrischend wie der Eisack, schießt es mir unvermittelt durch den dröhnenden Schädel. Nicht verwunderlich. Wandelt doch ein Teil meines Geistes gerade in den Dolomiten, die einen zentralen Schauplatz meiner Geschichte bilden.  Doch als dieser Mann,  der da so bewundernswert gelassen inmitten des Gewusels steht, den Mund aufmacht und uns freundlich anspricht, ist es mir unmöglich, mich auf den Inhalt seiner Worte zu konzentrieren. Jenes melodische, samtig-rauchige Timbre ist mir wohlvertraut. „Sind Sie Südtiroler?“, frage ich ihn mit einer für mich atypischen, fast unhöflichen Direktheit. „Ja.“ Er lacht. Ein wenig überrascht, aber auch erfreut.

Das ist ein Zeichen.

Nichtsahnend hat mir dieser angenehme Zeitgenosse aus meiner zweiten Heimat soeben einen ungeheuren Motivationsschub verpasst.

Gespenster

Als das Eiliensche mir ihr neuestes Werk präsentiert, muss ich erst einmal schlucken. „Willst Du mir erzählen, was Du da gemalt hast?“ „Ja. Das da ist ein Spenstermann.“ Meine Tochter deutet eifrig auf die schwarze Gestalt in der Mitte. Das Gesicht wirkt auf mich sehr plastisch und eindringlich. „Und was hat der Spenstermann da in der Hand?“ „Das ist ein…“ Sie sucht nach einem Wort und runzelt dabei die Stirn. Dann öffnet sie den Mund und es kommt etwas heraus, das klingt wie „Schawala“. „Hm…“ Im Geiste gehe ich alle Begriffe durch, die phonetisch dazu passen könnten. Aber mir fällt kein Wort ein, das annähernd so klingt und Sinn macht. „Kein Schwert, oder?“, unternehme ich einen lahmen Versuch. „Nein!“ Entgegnet das Eiliensche entrüstet. „Ein SCH-A-W-A-L-A“. Sie betont die Silben überdeutlich und sieht mich an, als hätte ich noch maximal eine bereits erlöschende Kerze im Leuchter. „Und da ist das Spensterkind.“ Gemeint ist das kleine dunkle Wesen unten rechts, das die Arme in Richtung Gespenstermann zu heben scheint.

Das Eiliensche weiss, dass ich ein Buch schreibe, aber nicht, um was es geht. Und ich achte  penibel darauf, dass sie in meinen Gesprächen mit M. nichts aufschnappt. Noch kann sie nicht lesen. Wäre auch etwas früh mit knapp 3 Jahren.  Doch sie ist fasziniert von Büchern und will unbedingt teilhaben an  der Welt des geschriebenen Wortes.  Es stört sie sehr, dass sie derzeit auf uns angewiesen ist und die Buchstaben nicht alleine zum Leben erwecken kann. Natürlich liebt sie es, wenn wir ihr vorlesen, aber sehr oft meint sie dann sehnsüchtig: „Ich will auch lesen lernen.“

Oft verlangt sie, dass ich bestimmte Worte  für sie auf`s Papier schreibe und sie versucht dann, diese nachzumalen. Wenn es sich ergibt, zeige und erläutere ich ihr, aus welchen Buchstaben das Wort besteht.  Derzeit sind das alles Hieroglyphen für sie.  Und sie hat doch noch Jahre Zeit, um Schreiben und Lesen zu erlernen. Aber erkläre das mal einer meinem ungeduldigen Kind.

Jedenfalls bin ich etwas besorgt über ihr reges Interesse an Geistern, gruseligen Begebenheiten, Stimmungen und Erzählungen. Ich weiss, was eine ausgeprägte Phantasie aus einer harmlosen Geistergeschichte machen kann.  Nein, davor will ich das Eiliensche bewahren, soweit und solange es in meiner Macht steht.

Meinen Selbstschutz allerdings werde ich für meine Geschichte bis zu einem gewissen Grad aufgeben müssen. Und es bereitet mir nicht nur behagliche Gedanken, dass zu später Stunde Realität und Illusion sich vermengen und die Protagonisten meiner Erzählung mich bei jedem Handgriff begleiten und mir bis auf die Toilette folgen werden.  Was  ist die Alternative? Ein fluffig-lockerer Liebesroman? Nein, ich glaube, das liegt mir nicht.

Ich muss an das antiquarische Buch denken, dass meine Mutter mir vor einiger Zeit einmal zeigte. Sie hatte es von einem Nachbarn geliehen bekommen.  So alt, dass die brüchigen, vergilbten Seiten einem schon fast in der Hand zerbröselten.  Der Titel war harmlos. Ich komm nicht mehr drauf. Aber zwischen hausbackenen Tipps aus Großmütterchens Mottenkiste fanden sich einige Rezepturen, die teils sehr ominöse Formeln enthielten.  Während ich dieses eigenartige Buch durchblätterte, fragte ich mich, ob das wirklich so eine gute Idee wäre mit meiner Geschichte.  Im Hinblick auf meine eigene Psyche.  Doch ich hoffe, dass ich die Fäden selbst in der Hand behalte und mein Buch eines zum Wohlfühlen wird. Eines, das man gerne um sich hat. Keines, das man aus lauter Furcht am liebsten in das hinterste Eck seines Bücherregals verbannen oder so schnell wie möglich loswerden will.

 

 

Am Anfang war Lila: Kapitel 1

Nächtlicher Besuch

»Siehst Du diese winzigen, leuchtenden Punkte, die da so wild umherwirbeln? Das sind kleine Elfen, die Dich nachts beschützen. Sie spielen Fangen. Ein paar gehen dort auf der Bettkante spazieren. Andere sitzen auf dem Fensterbrett und lassen die Beine baumeln. Sie alle bewachen Deinen Schlaf. Du musst keine Angst haben.« Luis und Priska, Elenas Eltern, deuten auf das neue Babyphone, dessen aktivierte Infrarotlichtkamera gnadenlos die unzähligen Staubkörner einfängt, die vorhin beim Bettenmachen aufgewirbelt wurden. Sie tanzen einen magisch anmutenden Reigen.

Die Vierjährige runzelt die Stirn. »Das sind keine Elfen. Das ist Dreck.«

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Am Anfang war Lila

Die von mir vollmundig angekündigte Leseprobe folgt, noch bevor diese Woche vorüber ist. Sofern meine liebreizenden Töchter nicht wieder heimlich ein Komplott schmieden. Jedenfalls bin ich dran. Am ersten Kapitel.

Meine Schreibambitionen für den heutigen Morgen wurden allerdings vom Ämmale gleich rigoros im Keim erstickt. Nach meiner obligatorischen Nasenspülung schlich ich auf Zehenspitzen ins Wohnzimmer. In meiner Rechten ein Teller mit Honigbroten, in der Linken meine Kaffeetasse, unter`n Arm geklemmt das Babyphone. Da krähte es schon ungehalten. Synchron. Von oben und aus dem Babyphone. 30 Minuten Powernap. Nicht mehr und nicht weniger. Ich gebe die Hoffnung trotzdem nicht auf, dass das Ämmale auch in meiner Obhut mal länger als eine halbe Stunde schläft. Mein Mann hatte kürzlich einen Tag Urlaub. Es war unser beider Wiegenfest und ausserdem musste ich mit dem Eiliensche Vormittags zum Kinderarzt. Als ich nach Hause kam, empfing mich ein tiefenentspannter M. „Das war total gechillt. Ich weiss gar nicht, was Du immer hast. Das Ämmale hat ruhig und friedlich 2h gepennt.“ Danke für`s Gespräch.
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Vom Stillen

Es ist ein schleichender Prozess. Aber heimlich, still und leise neigt sich die Stillzeit mit meinem Ämmale dem Ende zu. Und schon jetzt empfinde ich Wehmut.

Das Stillen ist eine sehr persönliche Angelegenheit und ich habe nie verstanden, warum bei diesem Thema so viele Mütter auf einmal übergriffig werden und einen entweder in die eine, oder auch in die andere Richtung schubsen und drängen wollen.

Die Gründe, warum jemand stillt oder nicht, sind so vielfältig und individuell wie die Frauen und ihre Kinder selbst.

Für mich war es schon beim Eiliensche damals ein absoluter Herzenswunsch.  Das Stillen. Ein tiefes, inneres Bedürfnis, dass ich nicht rational erklären kann.
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